Wer schwere Lasten immer wieder von Hand trägt, zahlt oft nicht sofort, sondern später: mit Abnutzung am Bewegungsapparat, mit Einschränkungen, mit chronischen Beschwerden. In diesem Baublog klären wir, wie der Lastentransport mit Hilfsmitteln und einer durchdachten Baustellenlogistik so organisiert wird, damit Gesundheit, Effizienz und Qualität gleichzeitig gewinnen.
Das Wissen zu diesen wichtigen Bauthemen stammt aus unserem Podcast-Interview mit zwei Suva-Fachpersonen. Dabei handelt es sich um Dr. med. Edda Schmid (Fachärztin für Arbeitsmedizin und orthopädische Erkrankungen des Bewegungsapparats) und Alois Blum (Ergonomie-Experte, u. a. zuständig für Beratungen sowie Kontrollen zu schweren körperlichen Belastungen und Schadenfallabklärungen).

Warum Prävention oft zu spät greift
Prävention hat ein Grundproblem: Man sieht den Nutzen nicht sofort. Man kann eine Zeit lang «unkörperschonend» tragen und trotzdem das Gefühl haben, es gehe schon irgendwie. Abnutzungsprozesse laufen aber unbemerkt im Hintergrund und die Beschwerden zeigen sich oft erst Monate oder Jahrzehnte später.
Lastentransport belastet dabei nicht nur den Rücken, sondern den gesamten Körper. Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke sind gleichermassen betroffen. Hinzu kommt, dass bestimmte Gewebe nur schlecht durchblutet sind und sich deshalb kaum regenerieren. Da mit zunehmendem Alter zudem Elastizität und Belastbarkeit abnehmen, steigt das Risiko für dauerhafte Schäden. Umso wichtiger ist es, frühzeitig auf Prävention zu setzen.

Warnzeichen ernst nehmen
Frühe Warnsignale sind oft indirekt. Kritisch wird es, wenn Beschwerden nicht wirklich verschwinden oder regelmässig wieder auftauchen. Dazu gehören etwa ein wiederkehrendes Zwicken, Einschränkungen der Beweglichkeit (z. B. nicht mehr ganz strecken/beugen), Vermeidungsverhalten bei gewissen Tätigkeiten und der wiederholte Griff zu Schmerzmitteln.
Sinnvolles Vorgehen:
- Bei deutlicher Verschlechterung ärztlich abklären lassen.
- Parallel die Arbeit analysieren: Welche Lasten, welche Wege, welche Bewegungen verursachen die Beschwerden?
- Im Team klären, ob Methode, Hilfsmittel oder Rahmenbedingungen verbessert werden können.
Typischer Fehler: schlechte Planung
In der Praxis passiert häufig Folgendes: Material wird angeliefert und «irgendwo» abgestellt. Dann müssen Handwerker improvisieren – mit zusätzlichen Hebevorgängen und unnötiger Belastung. Die Fehler: Der Transport wird im Vorfeld zu wenig abgeklärt (Planung/Arbeitsvorbereitung fehlt). Zudem wären die Hilfsmittel zwar vorhanden, können aber nicht genutzt werden, weil die Wege nicht rollbar oder die Stockwerke nicht erschlossen sind.
Das Ergebnis sind mehr Hebevorgänge, mehr Improvisation, mehr Risiko.
Beispiel Fenstertransport: Wenn Transportwege rollbar und sinnvoll organisiert sind, lassen sich Elemente mit Hilfen (z. B. Fensterbock auf Rollen) bewegen, statt akrobatisch über Geländer und Schwellen getragen zu werden.

Logistikkonzept und Checklisten
Im Rahmen des Projekts zur optimalen Baustellenlogistik wurden Hilfsmittel für die Praxis erarbeitet, die schon früh in Planung und Ausschreibung greifen sollen:
- Leitfaden für Planer (von vor der Ausschreibung bis Umsetzung)
- kompakte Checkliste für die Planungsphase
- Vorlage/Orientierung zur Erstellung eines Logistikkonzepts
- Checkliste für Unternehmer (Ausschreibung, Arbeitsvorbereitung, Umsetzung, inkl. typischer Stolpersteine)
Kernidee: Lastentransporte werden nicht erst auf der Baustelle gelöst, sondern frühzeitig reduziert oder vermieden.
Alles dazu gibt es hier: www.suva.ch/optibau

Wiederholung wird unterschätzt
Viele Baustellentätigkeiten sind repetitiv. Das Problem entsteht, wenn der Körper zu wenig Regeneration erhält.
- Tätigkeiten sollten wechselbelastend organisiert werden.
- Niemand sollte über Stunden identische belastende Abläufe wiederholen.
- Arbeitsvorbereitung muss Belastungen sichtbar machen: Gewichte, Anzahl Hebevorgänge, Wege, Treppen, Einbausituation.
Daraus folgen Massnahmen: passende Hilfsmittel auswählen, vor Ort bereitstellen und konsequent einsetzen.

Hilfsmittel: Schulung, die wirkt
Damit Hilfsmittel wirklich genutzt werden, braucht es verständliche, praxisnahe Instruktion.
- Wieso: Risiken kennen (was passiert bei falschem oder zu häufigem Tragen?)
- Wie: Lösungen im Betrieb festlegen (Methoden und Hilfsmittel passend zur Tätigkeit)
- Was: konkrete Anwendung auf der Baustelle
Entscheidend ist das Üben mit dem echten Hilfsmittel – sonst wird’s zu kompliziert, kostet Zeit und verschwindet wieder in der Ecke. Zusätzlich wichtig: Führung, die kontrolliert, korrigiert, lobt und motiviert.
Wenn viele Meldungen aus einem Betrieb kommen, wird genauer hingeschaut: Gibt es systematische Fehler? Lohnt sich Prävention als betriebliche Massnahme? Denn die «versteckten Kosten» (Ausfälle, Ersatz, Mehrbelastung, Fehlerfolgen) sind oft höher als eine Investition in Hilfsmittel, Prozess oder Logistik.

Richtig heben: Das sind die Grundprinzipien
Es gibt nicht die eine korrekte Hebetechnik – sie hängt immer von Last und Situation ab. Vor dem Heben sollte aber immer die Frage stehen: Kann ein Hilfsmittel das Heben ersetzen?
Wenn wirklich gehoben werden muss, gelten einfache Grundprinzipien:
- Last möglichst körpernah (kürzerer Hebelarm bedeutet viel weniger Belastung)
- stabiler Stand, Kraft aus den Beinen
- gerade Körperstruktur (Blick nach vorn hilft)
- Drehungen unter Last vermeiden; statt im Oberkörper rotieren, lieber mit einem Schritt den ganzen Körper drehen
Was der Arbeitgeber sicherstellen muss
Der gesetzliche Rahmen verlangt, dass Arbeitgeber geeignete Arbeits- und Hilfsmittel zur Verfügung stellen und Mitarbeitende über Risiken informieren sowie anleiten.
Wichtig ist die Einordnung: Es gibt Richtwerte, keine starren Grenzwerte – weil Belastung stark von Person und Situation abhängt.
Die Richtwerte liegen beim gelegentlichen Tragen bei bis zu 25 kg für Männer und bis zu 15 kg für Frauen. Ab 12 kg (Männer) bzw. 7 kg (Frauen) ist eine Gefahrenermittlung für die Tätigkeit erforderlich.

Fazit: Prävention ist Kultur – Logistik ermöglicht sie
Prävention funktioniert nur, wenn sie im Alltag gelebt wird – als Kultur. Und damit Hilfsmittel nicht Theorie bleiben, muss die Baustellenlogistik so gestaltet sein, dass sie praktisch einsetzbar sind: Zufahrten, rollbare Wege, sinnvolle Hebe- und Transportmöglichkeiten bis in die Stockwerke. Dann entstehen messbare Vorteile für alle.
Wichtige und hilfreiche Unterlagen zum Thema Baulogistik findest du unter: http://www.suva.ch/optibau
Fenstermonteure aufgepasst: Es gibt eine Folge über den Lastentransport, die sich explizit an euer Gewerk richtet! Hier steht, worauf es bei der Fenstermontage wirklich ankommt, wenn grosse, schwere Elemente effizient und körperschonend eingebracht werden sollen.