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So entstehen SIA-Normen

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Inhaltsverzeichnis

Auf vielen Schweizer Baustellen ist es schon fast wie ein Gesetzbuch, das über richtig und falsch entscheidet: Der SIA (Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein) hat mit seinem laufend überprüften und erweiterten Normenwerk anerkannte und unverzichtbare nationale Regeln der Baukunde geschaffen. Doch wie erarbeitet der SIA eigentlich diese Normen? Wer bestimmt, welche Norm angenommen wird und welche nicht?

Ich habe den besten Interviewpartner, den man sich für dieses Thema wünschen kann: den Leiter Fachbereich Normen des SIA, Giuseppe Martino. Giuseppe hat an der ETH Architektur studiert, danach in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und zusammen mit einer Partnerin auch selbständig ein Büro in Zürich geführt. Seit inzwischen mehr als 20 Jahren ist Giuseppe in der SIA-Geschäftsstelle im Normenbereich tätig. Er ist zugleich Mitglied der SIA-Geschäftsleitung.

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Was ist das Ziel des SIA-Normenwerks?

Das Normenwerk der SIA hat mehrere Zielsetzungen:

  • Schaffung einheitlicher technischer Grundlagen
  • Grundlagen zur Gewährleistung von genügend Sicherheit
  • Qualitätsmassstäbe und Kriterien der Gebrauchstauglichkeit regeln
  • Verständigung unter den Beteiligten fördern
  • Grundlagen zur Definition, Koordination und Vergütung der Leistungen der Beteiligten bereitstellen
  • Grundlagen zu einer effizienten und zielgerichteten Zusammenarbeit

Was gehört alles dazu?

Das gesamte Normenwerk besteht aus den drei Publikationsarten Normen, Ordnungen und Merkblättern, wobei Letztere quasi eine Vorstufe zu den Normen darstellen. Dazu kommen übernommene europäische Normen, die sogenannten SN EN.

Da der SIA Mitglied ist bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV) und diese wiederum im Europäischen Komitee für Normung CEN dabei ist, muss der SIA die europäischen Normen ins nationale Normenwerk aufnehmen.

«Das hat auch den Vorteil, dass wir in ganz Europa eine gemeinsame Sprache sprechen.»

Dabei sind die europäischen Normen höhergestellt. Das heisst, gibt es eine Norm des SIA, die einer SN EN widerspricht, muss die nationale Norm zurückgezogen oder überarbeitet werden. Das gesamte SIA-Normenwerk soll ja schliesslich in sich widerspruchsfrei sein.

Momentan (Stand 2021) sind es 204 nationale Normen, Merkblätter und Ordnungen. Hinzu kommen die umfangreichen SN EN mit etwa 2’300 Normen. Dabei handelt es sich jedoch vor allem um Produktnormen. Sie beschreiben die Eigenschaften von Produkten, wie man sie prüft und sie klassiert. So etwas wie die SIA 118 gibt es europäisch nicht (alles zur Norm 118 erfährst du übrigens in diesem Baublog).

Die Entstehung einer Norm

«Eine Norm entsteht, wenn der Bedarf im Markt gegeben ist.»

Es muss ein Antrag vorliegen, der die Ausgangslage und den Nutzen einer neuen Norm aufzeigt. So ein Antrag kann beispielsweise aus der Planerbranche oder von Interessenverbänden kommen, aber nicht von einer Einzelperson. Nachdem der Antrag von einer Arbeitsgruppe vorbereitet wurde, geht er an die zuständigen Gremien des SIA.

Der ganze Prozess bis zur fertigen Norm dauert – je nach Thematik und Komplexität – mindestens drei Jahre. Das geht auch darum so lange, weil der SIA die Norm in der Baubranche möglichst breit abstützen möchte.

Bei bestehenden Normen finden mindestens alle fünf Jahre periodische Überprüfungen durch die zuständigen Gremien statt. Dabei stellt sich heraus, ob die Norm noch dem aktuellen Stand entspricht. Je nachdem wird sie dann bestätigt, revidiert oder in seltenen Fällen sogar einfach ersatzlos zurückgezogen.

In den SIA-Gremien sitzen übrigens absolute Experten des entsprechenden Fachgebiets: Fachhochschulprofessoren, Vertreter von kantonalen oder nationalen Ämtern sowie Planer und Ingenieure mit eigenen Büros.

«In einer SIA-Kommission kann man die Norm mitgestalten und hat einen Wissensvorsprung.» 

Einsprache!

Nach der Erarbeitung der Norm, wird sie nicht einfach intern genehmigt und publiziert, sondern geht zuerst in die Vernehmlassung. Die Entwürfe neuer Normen kannst du hier online herunterladen. Jeder kann bei Bedarf einen Kommentar abgeben, der dann vom zuständigen Gremium gesichtet wird.

Nach der Vernehmlassung kommt das sogenannte Einspracheverfahren. Wer in der Vernehmlassung Kommentare eingereicht hat, erhält hier ein Update zum Zwischenstand des Entwurfs. Das alles, um eine möglichst breite Akzeptanz der Norm zu erreichen.

«Eine breite Akzeptanz bedeutet auch, dass die Leute die Norm anwenden und das ist schliesslich auch der Zweck davon.»

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Zur Rechtsgrundlage

Die Schweizer Planungs- und Baubranche wendet die Normen des SIA an und sieht sie als anerkannte Regeln der Baukunde. Doch die technischen Normen in sich sind nicht rechtsverbindlich; eine SIA-Norm ist kein Gesetz. Aber: Sie wird rechtsverbindlich, wenn man sie vertraglich vereinbart.

Das heisst, wenn du im Werkvertrag explizit eine Norm aufführst, dann ist sie natürlich verbindlich. Steht im Vertrag nichts vom SIA-Regelwerk, dann gilt automatisch das Obligationenrecht.

Mehr Infos

Mehr Einblicke ins Normenwerk des SIA bekommst du unter diesem Link. Um immer auf dem neusten Stand zu bleiben, empfiehlt Giuseppe Martino, den Newsletter zu abonnieren, was du hier tun kannst.

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Beste Grüsse
Marco

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